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zuhören - verstehen - entschlüsseln ...
Wenn die Sprech-Stunde 60 Minuten hat ... Sprechende Medizin ist mehr, verlangt nicht nur Zeit, Interesse, Zuhören, Begreifen und Zuwendung vom Arzt, sondern auch Kommunikationsausbildung und patientenzentrierte Supervision, um den 'roten Faden' in der Kranken- und Lebensgeschichte des Patienten zu erkennen. Während schon im antiken Griechenland der Antiphon von Athen mit Sokrates die Idee teilte, dass Seele und Worte 'kränken' wie 'heilen' können, sucht die heutige Schulmedizin die Ursachen körperlicher Erkrankungen außen oder in vermeintlich autonomen Genprogrammen. Und wer chronisch krank ist, sucht nach dem 'warum'. Warum bin ausgerechnet ich krank geworden? Warum jetzt?Habe ich etwas falsch gemacht? Hatte ich nur zu viel Stress? Habe ich mich falsch ernährt? Habe ich mich zu wenig bewegt? Wurde ich infiziert oder vergiftet? Ist mit meinen Genen etwas nicht in Ordnung? Habe ich micht versündigt? Werde ich wieder gesund werden können? Wer kann mir helfen? Wem kann ich trauen? Und wenn Allergiker dann nachfragen, wer ihre Allergie verursacht hat, dann werden sie erfahren, dass es die Allergene waren, und wenn sie wissen wollen, wer ihre Infektion ausgelöst hat, dann werden sie erfahren, dass es
die Erreger waren. Dass Rauchen Lungenkrebs verursachen kann, hat sich über die Jahre herumgesprochen. Doch längst nicht jeder Raucher oder Passivraucher erkrankt deswegen daran, so wie umgekehrt auch Nichtraucher vom Lungenkrebs betroffen sein können. So ist es mit fast allen postulierten krankheitsbegünstigenden Faktoren. Nie infizieren sich, trotz Exposition, alle an einer Hepatitis, AIDS oder Tuberkulose. Nicht immer führt Bewegungsmangel, hoher Blutdruck und hohe Blutfettwerte zum Herzinfarkt, nicht immer enden Alkoholiker an einer Leberzirrhose oder erkranken familiär Krebs belastete Patienten an Karzinomen. Amalgam ist nicht grundsätzlich krankmachend und nicht jeder Ernährungsfehler verursacht Darmpilze. Ob 'Schulmedizin' oder sogenannte 'Naturheilverfahren' manchmal sind die Antworten auf komplizierte Krankheitsverläufe zu einfach und zu plakativ. So berichten chronisch Erkrankte entmutigt in der Sprechstunde von den vielen Erfahrungen, Behandlungen, Ausleitungskuren, Psychotherapien, die sie bereits mehr oder weniger erfolglos hinter sich gebracht haben. Es ist Menschen innewohnend, dass sie Dinge, die sie nicht erklären können, irgendwelchen äußeren Faktoren wie Erregern, Umweltgiften, Schicksalsschlägen, Göttern und inneren Verursachern wie Genen, Stress, Psyche zuordnen wollen. So müssen Ursachen gefunden werden, die den Ausbruch einer Erkrankung erklären können. Häufig sind diese vermuteten Ursachen jedoch nur Co-Faktoren eines individuellen Krankheitsprozesses, die
sich mit den Möglichkeiten der 'Schulmedizin' und den klassischen Naturheilverfahren nicht spezifisch aufklären lassen. Für eine 'Individualmedizin' benötigt man aber eine Diagnostik, die das patiententypische Belastungs- und Fehlregulationsprofil aufzudecken vermag und so ihren ganz persönlichen Weg in die Erkrankung verdeutlichen und begleiten kann. Eine statistisch orientierte Medizin hat sicher Vorteile bei der Seuchenbekämpfung, bleibt jedoch weit hinter ihrem Selbstanspruch bei chronifizierten Erkrankungen zurück. Enttäuscht hat die breite Öffentlichkeit in den letzten vierzig Jahren trotz medienwirksamer Ankündigungen und milliardenschwerer Wissenschaftsprogramme vergeblich auf die Ausrottung der Krebs-, Herz-Kreislauf- und viralen Erkrankungen gewartet. Aber auch die populistischen Behauptungen einer 'grünen, verallgemeinernden Trendmedizin', die z.B. Störfelder, Amalgamreste, Würmer und Darmpilze als alleinursächliche Krankheitsauslöser erklärten, haben das Voranschreiten chronischer Erkrankungen, gesellschaftlich betrachtet, nicht aufhalten können. Zudem sind die Denkansätze beider polarisierten Medizinbetreiber strukturell gar nicht so unterschiedlich. Jeder sucht auf seinem Gebiet die zentrale Ursache für das Entstehen einer Erkrankung. Was für den einen Patienten zutreffen mag, muss aber für den anderen noch lange nicht stimmen! Selbst in den veröffentlichten Sterbestatistiken können sie nie sicher sein ob z.B. jemand 'wegen' einer Krebserkrankung gestorben ist oder nur 'mit'. Eine generalisierende 'So-was-kommt-von-so-was-Medizin' ist nachhaltig zu schlicht und kann die Gesundung der Patienten gefährden. Artikel: Matthias Witt
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Chronische Erkrankungen sind komplexe Vorgänge, wo es weder eine Ursache noch eine Patentlösung gibt, sondern einen jeweils individuellen Belastungscocktail mit biographisch längerem Vorlauf, der nach individuellen Diagnostik- und Therapiewegen verlangt. Die ureigensten Krankheitsmuster zu erkennen und zu bearbeiten, ist das ganzheitsmedizinische Ziel.
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Jede Erkrankung hat eine Geschichte die so genannte Krankengeschichte. Das Erheben dieser Krankengeschichte wird in der Medizin als ‚Anamnese’ bezeichnet. Dieser Begriff reicht wieder zu Sokrates zurück, wo die Wiedererinnerung, griechisch ‚Anamnesis’, schon benutzt wurde, verschütt gegangene Zusammenhänge wieder ins Gedächnis zu rufen. Wenn der Arzt die organsystemischen und psychosozialen Zusammenhänge der Krankheitsentstehung erkennen möchte, braucht er eine ausführliche Darstellung dieser Krankengeschichte durch den Patienten und einen geschulten Blick für die sich darstellenden Krankheitszeichen. Das braucht Zeit und ist im 5-Minuten-Takt kaum zu leisten. Eine gute patientenzentrierte Anamnese ist die ‚halbe Miete’ um Krankheitsauslöser und die sie begleitenden Muster zu erkennen.
Die 3-Stufen-Anamnese Wer von ihnen eine ganzheitliche Anamnese erfahren möchte, muss wissen, das diese im Idealfall auf drei Stufen basiert Stufe 1: Die Vor-Ort-Anamnese. Die Erörterung der Krankengeschichte nach den klinischen Zeichen der schulmedizinischen Organerkrankungen. die die Frage zu klären sucht, welche Organe bzw. Gewebe erkrankt sind, seit wann und welche Art von Erkrankung sich dahinter verbirgt Stufe 2: Die Zusammenhangs-Anamnese. Das Zuordnen des Beschwerdebildes in den vernetzten Organsystemen der 5-Elemente innerhalb der westlichen Akupunkturphysiologie. Dieses seit Jahrzehnten erprobte Medizinmodell hilft, die Regulationsstörungen chronischer Erkrankungen im Körpernetzwerk zu orten.
Das klingt sehr theoretisch. Keine Sorge, ein Beispiel wird ihnen das erläutern: Stellen sie sich ein verzweigtes Leitungssystem vor, welches von der Energie und dem Stoffwechsel ihrer Nieren versorgt wird. In seinem Verlauf versorgt das Nierensystem ihre Knochen, die Wirbelsäule, ihre Kopfhaut, Teile ihres Nervensystems, ihr Innenohr, den Tonus ihrer Blutgefäße und ihre Geschlechtsorgane. Das ist längst nicht alles, doch soll es für unser Beispiel reichen. Nun stellen sie sich bitte Herrn K. einen ängstlich besorgten Patienten mittleren Alters vor, der in seiner Krankengeschichte davon berichtet, dass er als Kleinkind Milchschorf gehabt hat, später an wiederkehrenden Hinterkopfschmerzen mit schmerzhaften Verspannungen im Halswirbelbereich gelitten hat, durch den Berufsstreß einen Tinnitus und Bluthochdruck entwickelt hat und zu guter letzt wiederkehrende Prostataentzündungen hat. In seiner Patientenlaufbahn hat Herr K. neben seinem Hausarzt, den Hautarzt, den Hals-Nasen-Ohren-Arzt, den Kardiologen, den Nervenarzt, den Orthopäden und den Urologen kennengelernt. Jeder dieser Fachärzte hatte nach den Regeln der ärztlichen Kunst in seinem Fach und K’s Beschwerden entsprechend behandelt. Mal gab es Schmerzmittel oder Spritzen für Herrn K., dann Durchblutungsmittel, Antibiotika und dauerhaft Blutdrucksenker. Richtig gesund fühlt sich Herr K. seit langem nicht mehr. Was hatte Herr K. bei all diesen Erkrankungen nicht erfahren? Alle aufgezählten Krankheiten liegen im Versorgungsgebiet des Nierensystems. Und dieses wurde durch
Und dieses wurde durch manche Behandlung eher belastet als therapiert. Der Rote Faden, der K’s Krankengeschichte durchzieht, basiert auf einem regulationsgeschwächtes Nierensystem auf dem sich die verschiedenen Erkrankungen entwickeln konnten. Stufe 3: Die gefühlte Anamnese, beschäftigt sich im ‚wiedererinnernden’ Arzt-Patienten-Gespräch mit der Suche nach psychosozialen Hintergründen für das Entstehen der chronischen Erkrankung. Dabei geht es um die lösungsorientierte Entschlüsselung der Körper- und Symptomensprache. Wer sich von ihnen darauf einlassen kann, hat häufig nicht nur eine bessere Prognose oder Krankheitsbewältigung, sondern lernt seinen Körper in der Einheit von Seele und Körper kennen und Krankheitsmustern leichter vorzubeugen. Schon lange bevor die moderne Hirnforschung die Zusammenhänge zwischen Gefühlen, Stress, Krankheitsanfälligkeit und Immunschwächen bewiesen hat, schrieb 1926 Georg Groddeck, der Vater der Psychosomatik : „Je schwerer der innere Konflikt der Menschen ist, um so schwerer sind die Erkrankungen, die ja symbolisch den Konflikt darstellen… Die Erkrankung hat ja einen Zweck, sie soll den Konflikt lösen, verdrängen oder das Verdrängte am Bewußtwerden verhindern.“ Wer diese 3- Stufen-Anamnese nutzt, wird verstehen, warum 'Sprech-Stunde' auch so heißt undwird verstehen lernen, wie die Krankheit sich zwischen Konstitution, das ist das, was sie von Natur aus mitgebracht haben, Exposition, das sind die äußeren Einflüsse, derer sie ausgesetzt waren und Sozialisation, die ihre psycho-soziale Entwicklung beschreibt, entwickelt hat.
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